Niklas Holzberg

Aristophanes

Sex und Spott und Politik

Rezension von Helmut Schareika

Zu den Anmerkungen bitte per Klick (und ebenso zurück).

 

Der Münchner Latinist Niklas Holzberg (im folgenden »Vf.«) hat nunmehr (2010) auch ein Buch zu Aristophanes vorgelegt.1

Nach einem Vorwort, in dem Vf. seine Ausgangsreflexionen zum Thema niederlegt, formuliert er in sieben Kapiteln Interpretationen zu den elf erhaltenen Komödien des berühmtesten Vertreters der attischen Alten Komödie (dazu kommt ein Anhang u. a. mit einem Fachglossar, auch ein persönlich gehaltenes Literaturverzeichnis ist dabei). Sein Ziel: »[…] meine [sic!] Leser in die Lage zu versetzen, zusammen mit den Athenern des späten 5. und des frühen 4. Jahrhunderts zu lachen« (S. 9). Dies soll geschehen, indem »[ich, d.h. Vf.] die wichtigsten Themen erörtere, die mit der Deutung aller Komödien verbunden werden müssen« (ebda.). Diese sind nach Vf. »Bühnenpraxis, Personenspott, Parodie der Tragödie, historischer Hintergrund, Obszönität, Bauelemente der Handlung. […] so daß die Entwicklung Athens von 425 bis 388 v. Chr. synchron mit der Entwicklung der dramatischen Kunst des Aristophanes betrachtet wird« (S. 10).

Sein Vorhaben setzt Vf. nun um, indem er – eingeflochten seine oft etwas aufdringlich die eigene Person (s. o.) betonenden Erläuterungen und Kommentare – den Inhalt der Stücke paraphrasiert, und zwar weitestgehend in indirekter Rede mit eingeschobenen (eigenen) Übersetzungen ausgewählter kürzerer oder längerer Partien. Dies alles (vor allem betrifft das auch die angebotenen, für das Genre und gegenüber dem Original ganz unzulänglichen Übersetzungen) erfolgt nun leider in einer ganz blutleeren Sprache und einem überaus trockenen, Aristophanes und seine Zeit professoral sterilisierenden Duktus, die den Leser fragen lassen, worin denn die Überzeugung des Autors begründet sein mag, »auch Laien einen nahezu authentischen Eindruck von der ästhetischen Erfahrung zu vermitteln, die Hegel offensichtlich meint, wenn er einmal über Aristophanes schreibt: ›Ohne ihn [A.] gelesen zu haben, läßt sich kaum wissen, wie dem Menschen sauwohl sein kann‹.« Auf des Vf.s Wunsch am Schluß seines Buches, »ich hoffe, es ist mir gelungen, ausreichende Lachhilfe zu leisten« (S. 220), läßt sich insofern nur antworten: Alles, das gewiß nicht. Er würde sich ob dieses Prothesen-Angebots zweifellos Aristophanes' eigenen Spott zuziehen.

Der Grund dafür ist ganz offensichtlich: Vf. folgt in seinem Buch entschlossen einer ganz traditionellen Linie der altphilologischen Textbehandlung,2 die über Inhaltsangaben nicht hinausgelangt, literaturwissenschaftliche, überhaupt hermeneutische Methoden ablehnt. Da helfen auch flotte Untertitel wie »Sex und Spott und Politik« nicht weiter, die den heutigen Leser wohl gewogen, wenigstens zum Käufer machen und dazu eben mit dem Reklamebegriff der Gegenwart, ›Sex‹, reizen sollen.3

Gerade dieser Begriff hat aber auch rein gar nichts mit der Alten Komödie zu tun, allen lustvollen Schweinigeleien darin zum Trotz, von der diese bekanntlich in der Tat auch lustvoll lebt.

Immerhin wird man Holzberg, der im Vorwort in einer tour d'horizon Überlegungen zur Beschäftigung mit A. in Schule und Wissenschaft erörtert, durchaus in einer Hinsicht folgen können, wenn er nämlich meint (»ich meine«, S. 7), gerade viele Altphilologen hätten »Probleme mit Aristophanes. Fällt es nicht sogar grundsätzlich manchen Latinisten und Gräzisten schwer, bei der Lektüre antiker Texte an Lachen überhaupt zu denken?« Denn »seine Komödien […] wollen in erster Linie […] als Lachen über alles und jeden interpretiert sein.« Altphilologen seien aber eher auf solche Autoren eingestellt, »die überwiegend zu ernsthafter Auseinandersetzung mit den Dingen des Lebens anregen«, während A. »nichts weiter tut, als daß er lacht.« Dieses Lachen (»Gewiß, der Dichter tritt vor uns nicht selber lachend in Erscheinung«, muß uns Vf. erklären) hat es dem Autor voll angetan: »[Es] ist kaum zu leugnen, daß diese und die übrigen Stücke darauf angelegt sind, die zeitgenössischen Zuschauer das ganze Bühnengeschehen hindurch optimal [sic!] zu erheitern.« Insofern: »Ich habe mir daher als Ziel gesteckt, meine Leser in die Lage zu versetzen, zusammen mit den Athenern des späten 5. und des frühen 4. Jahrhunderts zu lachen« (S. 9).

Wenn es dem Autor in dieser dezidierten, soll bedeuten: obstinat immer wieder hervorgehobenen, Weise darum geht, etwas für eine Komödie Selbstverständliches herauszustellen, kann nur eine besondere Absicht damit verbunden sein. Und so macht Vf. denn auch sofort im Vorwort deutlich, daß aus den Bemühungen der Forschung » all das und weiteres […], wie hier gar nicht geleugnet werden soll, zu sehr nützlichen Resultaten geführt und uns gelehrt [hat], den Komödiendichter weit besser zu begreifen« (S. 8), doch zeichne die Stücke des A. eben eines aus: »[…] die auf der Bühne gefundene Lösung ist mit der historischen Wirklichkeit absolut unvereinbar«, oder: »Dergleichen ist zweifellos denkbar realitätsfern […]« (S. 9; hier gemeint Lysistrate bzw. Plutos). Welch merkwürdiges Denken nicht nur mit Blick auf das Genre der satirischen Komödie – wie sehe ich mir etwa den ›Faust‹ an?4

Tatsächlich – welche Erkenntnis! – will Komödie ja zum Lachen bringen, und dafür scheint dem Autor eben ein G. W. F. Hegel der rechte Zeuge zu sein (S. 11), hier nochmals: »Ohne ihn [A.] gelesen zu haben, läßt sich kaum wissen, wie dem Menschen sauwohl sein kann.« Während dieser Hegel-Satz nun wohlfeil allenthalben gern von jedem zitiert wird (und so fast unvermeidlich zu finden ist), muß man schon bei Hegel weiter nachlesen, um zu verstehen, was bei ihm damit gemeint ist:

»Ein elender Witz ist der, welcher nicht substantiell ist, nicht auf Widersprüchen beruht, die in der Sache selbst liegen; […]. Es ist nicht möglich, an etwas Spott äußerlich anzuhängen, das nicht den Spott seiner selbst, die Ironie über sich, an sich selbst hat. Das Komische ist: Mensch, Sache aufzuzeigen, wie es sich in sich selbst auflöst in seinem Aufspreizen. Ist die Sache nicht in ihr selbst ihr Widerspruch, ist das Komische oberflächlich, grundlos« [Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Bd. 18, S. 472, in: Werke in 20 Bänden, Frankfurt a.M. 1971].

Was Vf. nun erklärtermaßen gezielt vermeidet, ist, der Bedeutung der in seinem Buch angeblich erörterten Sache auf den Grund zu gehen. Für das Lachen meint das u. a. die Frage: Wer lacht aus welchem Grund worüber und mit welcher Zielsetzung? Dazu gibt eben auch Hegel im angeführten Zitat grundlegende Anhaltspunkte, indem er auf die Realität verweist. Doch für den Vf. ist der Komiker A. ja »realitätsfern«. Das heißt aber nur, er hat von Aristophanes' Realität nicht viel verstanden, trotz allen bemühten Hinweisen auf »historischen Hintergrund«.

Wer lacht heute über einen Dieter Hallervorden, wer lacht über einen Urban Priol? Worüber macht Hallervorden seine oberflächlichen, eben ›platten‹ Witze, worauf zielt Priols beißende politische Satire (die gerade jüngst eine sog. liberale Zeitung wie die SZ zu pöbelnden Angriffen hinreißen ließ)?5 Komik – Satire eine Facette davon – ist eine ästhetische Form der Kritik, natürlich auf verschiedenen Niveaus sachlicher Relevanz, vom Harmlosen bis zum Ätzenden. Der Komiker sucht das Publikum mit seinen spezifischen Mitteln, prinzipiell auch gegen dessen psychischen Widerstand, zwangsweise mitzureißen – das bringt die ästhetische Zuspitzung durch den Komiker zuwege, die natürlich zeit-raum-abhängig und nicht zuletzt sozial bestimmt ist. Die aristophanische Komödie war zu ihrer Zeit ein Ereignis von gesellschaftlicher, politischer Bedeutung, sie basierte in Athen auf einer historisch tief verwurzelten gesellschaftlichen Lachkultur, deren integrale Elemente u. a. die Obszönität als Ausdruck der virtuellen Vernichtung des Gegnerischen (das muß nicht unbedingt personalisiert sein) und die Sexualität als Emblem der Überwindung des Gegnerischen in neuer Fruchtbarkeit sind. Die gesellschaftliche ›Vereinigung‹ findet im utopischen dionysischen Fest statt, wobei die U-topie im aktuellen Fest im Theater Gegenwart wird, und diesem haftet, wenn der ›Humanist‹ es denn will, auch etwas durchaus Humanes an: der Traum von der Überwindung der gesellschaftlichen Gegensätze, freilich nach Vernichtung des Gegnerischen. Aber, wie wir wissen, mochte das auch nicht jeder beliebige Athener, schon gar nicht jeder im Fokus der Kritik stehende Politiker damals.

Für all die genannten Umstände hat Vf. jedoch kein Verständnis, kaum verwunderlich in einer Zeit, in der unbegreifliche – scheinbar – Mächte die meisten an Utopie kaum noch denken lassen (was für manche Zeitgenossen wieder ein beruhigendes Gefühl ist). Für den Autor produzierte A. – dessen »Wirkungsabsicht« genannt – einfach »Späße«, durch die »das attische Publikum […] erheitert werden konnte« (man fragt sich: wie bei RTL?). Der Schluß könnte sich aufdrängen, daß auch der Interpret seine »Probleme mit A.« hat und sich so zur Uminterpretation gezwungen sieht.

Wie kraftvoll, kongenial und substantiell man hingegen an den alten Athener herangehen kann, zeigt, wen wundert es, etwa der Dramatiker Peter Hacks: Man stelle nur etwa dessen Stück Der Geldgott (1991) der substanz-fernen Beschreibung des Plutos beim Vf. gegenüber (oder nehme Hacks' andere Stücke nach Aristophanes; Vf. erwähnt Hacks nicht einmal). Oder man denke an die Aufführung von Aristophanes' Fröschen durch Luca Ronconi 2002 im Theater von Syrakus und dort an Berlusconis (unfreiwilligen) ›Auftritt‹ in diesem Rahmen.

Es trifft also nicht zu, daß Holzberg »die wichtigsten Themen erörtert«, die mit dem Komödiendichter verbunden werden müssen; die zum Verständnis zentralen wie Aristophanes' Komik fehlen überhaupt, ganz zu schweigen von der völlig verfehlten, A. geradezu auf den Kopf stellenden Entpolitisierung à la Oktoberfeststimmung. Wer also Aristophanes kennenlernen möchte – trotz allen zweifellos großen Schwierigkeiten der historischen Distanz –, lese ihn besser selbst, und größtes Vergnügen wird sich einstellen, ganz ohne jede untaugliche Krücke.

Denn A. ist ganz das genaue Gegenteil des Buches des hier besprochenen Autors. Was jener auch heutigen Lesern zeigen kann, ist die Lust an Freiheit und Utopie. Zu dieser Freiheit gehört ggf. auch Kritik an bestehenden Mißständen, und verbal preist ja auch die Altphilologie die parrhesía, die ›allseitige Freiheit der Rede‹, des antiken Athens als genuines Element der Demokratie. Den Komödiendichter verstehen kann jedoch nur, wer dieser parrhesía etwas abzugewinnen vermag, hier kommt unvermeidlich die eigene Einstellung zur Sache zum Tragen; doch nur über diese parrhesía wäre A. in echter Weise zu vermitteln, könnte man seiner Realität Rechnung tragen, auf der Bühne genauso wie in der Wissenschaft. Und nicht nur der Öffentlichkeit: nicht weniger und erst recht den Schülern und Studenten, erst recht dort, wo sie noch Griechisch lernen.

Niklas Holzberg: Aristophanes. Sex und Spott und Politik. München (C. H. Beck), 2010, 240 S., 24,95 €

20.11.2011


Anmerkungen

1 Vgl. jetzt auch die Rezension von Friedemann Weitz in Forum Classicum 2/2011, die zum Schluß – nach eher zustimmender Beschreibung des Werkes – offenbar doch ein tendenziell eher irritiertes Fazit zieht.

2 Dass Holzberg in rein textimmanenter Interpretation den politisch-historischen Kontext ganz außer Acht läßt und eben Aristophanes zum reinen Comedian ohne politische Verve macht, ist auch das Fazit von Uwe Walters Rezension in der FAZ vom 7.12.2010, die mit denn auch einen »sterilen Trend« der Altphilologie hervorhebt. Freilich – hs – kommt ›Trend‹ ja nicht von ungefähr, sondern ist als Intention der jeweiligen Autoren zu betrachten. Ganz anders als Walter – und zwar auf der in der FAZ-Rezension kritisierten Linie des sterilen und v. a. auch unhistorischen »Trends« der Altphilologie – äußert sich dagegen Bernhard Zimmermann in seiner Rezension in der SZ vom 13.1.2011.

3 Gerechterweise ist zu betonen, daß Buchtitel heutzutage nicht selten von den Lektoraten oder gar Werbeabteilungen der Verlage zu verantworten sind (obgleich ein Autor sich wehren kann). Dazu paßt auch das hier deplazierte Umschlagbild des Buches, das ein römisches Mosaik hadrianischer Zeit (mit Komödien- und Tragödienmaske) zeigt statt ein zu Aristophanes zeitgleiches, in seinem Sinn ausdruckskräftiges Motiv.

4 Der Vf. ›versäumt‹ es angelegentlich, bei den Begriffen ›Wirklichkeit‹ und ›realitätsfern‹ auf das thematische Hauptmotiv der Arbeit des Rez. zu Aristophanes zu verweisen, »Der Realismus der aristophanischen Komödie. Exemplarische Analysen zur Funktion des Komischen in den Werken des Aristophanes« (Frankfurt 1974; unter Bezugnahme auf Brecht und erstmals von M. Bachtin); die (ihm durchaus bekannte) Arbeit übergeht Vf. auch in seinem Literaturverzeichnis. Die Arbeiten Bachtins greift später übrigens auch Peter von Möllendorff (Univ. Gießen) in seiner Dissertation »Grundlagen einer Ästhetik der Alten Komödie: Untersuchungen zu Aristophanes und Michail Bachtin« (Tübingen 1995) auf, freilich (auch er) ohne jeden Hinweis – weder im ›Forschungsbericht‹ noch im Literaturverzeichnis – darauf, daß die Thematik Bachtins erstmals grundlegend in der Arbeit des Rez. mit Bezug auf die ›Ästhetik des Komischen‹ bei Aristophanes behandelt wurde, obwohl dieser Sachverhalt wie auch die Arbeit definitiv bekannt waren.

5 Im Frühjahr 2011 überzog die SZ mehrfach Urban Priol und seine ZDF-Sendung »Neues aus der Anstalt« mit denunziatorisch schmähender Kritik. Bekanntlich gibt es oft verschiedenartige Versuche, ungeliebte Satire tot zu machen. Holzberg versucht es bei Aristophanes auf dem umgekehrten Weg: Da er sich bei dem ›humanistischen Klassiker‹ anders zum Gespött (im Sinne des Aristophanes) machen würde, versucht er es mit absoluter verharmlosender Verplattung im Sinne des heutigen Niveaus von Plattitüden-Comedies.