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Das hier näher besprochene Buch
(erschienen März 2016)
ist lieferbar bei

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bod.de


ISBN 978-3-8370-7776-6


Erhältlich überall, wo es Bücher gibt
€ 14,80
erhältlich auch als eBook
ISBN 978-3-741-20282-7

Herausgegeben
von Helmut Schareika

 

 

Apuleius

Des reisenden Lucius erotische Abenteuer,
tierische Leiden und schließliche Erlösung

- Der Bestseller der alten Römer -

 

Neu übersetzt von Meinhard-Wilhelm Schulz

 

Untypische Betrachtungen des Übersetzers
für Apuleius-Fans

1.

Lieber Leser,1 wenn Du nun mit der hoffentlich entsprechenden Begeisterung unseren römischen Bestseller verschlungen hast, mag es Dich befremden, wenn ich Dich bitte, mein untypisches Nachwort zur Kenntnis zu nehmen und danach vielleicht den ganzen Roman noch einmal zu überlesen. Ja, ich weiß, die Spannung ist hin, aber vielleicht liest Du beim zweiten Mal auch mit einer völlig neuen Brille, ja, vielleicht entdeckst Du – trotz vieler Dir bekannter Einzelheiten – eine ganz und gar neue Geschichte.

Um es Dir zu erklären, sei mir ein Ausflug in die Welt der Musik erlaubt: Stell Dir vor, Du hörst erstmals die Fantastische Sinfonie vom Meister Berlioz! Mehr oder weniger berauschende oder faszinierende Klänge ziehen an Dir vorüber, und die Musik gefällt Dir. Dann aber liest Du im Konzertführer, dass der Komponist dem Ganzen ein festes Programm unterlegt hat, dem sich alles unterzuordnen hat, nämlich die Träume eines Künstlers, der von der Geliebten verlassen wird und sie deshalb ermordet. Wir erleben nach einer Ballszene den Aufzug eines Gewitters, dann den Gang zur Hinrichtung, hören das Sausen des Fallbeils und den herabtropfenden Kopf. Es folgt der Totengottesdienst, das Auftauchen aller möglichen Hexen, unter denen wir – grauslich verzerrt – das Thema der Geliebten wiedererkennen. Ein wilder Tanz der bösen Geister hebt an und wird immer toller, bis die Sinfonie schließlich im gellenden Gelächter der triumphierenden Hölle endet. Lieber Leser, würdest Du mit diesem Programm in der Hand alles nicht sogar begeistert wiederhören wollen?

Leider hat uns Apuleius kein Programm seines Romans überlassen, und daher müssen wir uns also die Interpretation selbst zurechtzimmern. Daher folgt auf den nächsten Seiten meine gewiss höchst subjektive Deutung des Romans. Solltest Du Dir eine eigene, ganz anders geartete erarbeiten, wäre mir das nur recht. Jede derartige Interpretation beruht nämlich letztlich auf zahlreichen Annahmen und ist damit gegebenenfalls spekulativ. Das wissen auch die gelehrten Professoren der Altphilologie, die sich so gern in die Untersuchung eines Details vertiefen. Das Ergebnis ist dann nämlich mehr oder weniger unanfechtbar. Für diese Wissenschaftler ist mein kleiner Aufsatz nicht geschrieben, oder gerade für sie. Auf diesem Wege finden sie vielleicht die Freude am ganzen Roman wieder und verfassen dann ein fußnotengespicktes Buch mit dem Titel: Apuleius’ Metamorphosen: eine untypische Gesamtinterpretation.

2.

Bevor wir uns aber ans Werk machen, lieber Leser, solltest Du zur Kenntnis nehmen, dass es noch eine zweite, ältere Eselsgeschichte gibt, aus der unser Apuleius allerhand abgekupfert hat. Sie findet sich im Gesamtwerk des Lukianos, eines Zeitgenossen des Apuleius (2. Jh. n. Chr.), und die Gelehrten streiten sich schon lange darüber, ob dieser in Griechisch schreibende Spötter, Parodist und Humorist nun der Autor ist oder nicht. Der Titel der Novelle lautet: »Lukios oder der Esel«:

Ein gewisser Tunichtgut Lukios gerät auf seiner Reise in ein recht ungastliches Haus. Zu essen gibt’s kaum etwas, aber die Sklavin Palaistra (deutsch: »die Ringschule«) ist reizend. Lukios hört, dass die Herrin eine Zauberin sei und will ihr beim Hexen zusehen. Der Weg geht gewissermaßen über die Magd Palaistra. Lukios durchlebt heiße Nächte mit dieser »Ringschule« erster Güte, bis er endlich zusehen darf, wie die alte Hexe sich in einen Vogel verwandelt. Das will er natürlich auch tun, gerät aber im Übereifer an die falsche Büchse und wird zum … Esel.

Räuber dringen ein und rauben alles, den Esel eingeschlossen, bevor dieser das Gegenmittel, natürlich Rosen, fressen kann, und unser Esel, wird Diener der Räuber im rauen Gebirge. Das Gesindel begeht schließlich den Fehler, sich auf das Entführen eines Mädchens einzulassen: Der Esel versucht, mit ihr zu fliehen, wird aber erwischt …

Dann kommt der Bräutigam der Schönen, natürlich als Räuber verkleidet, macht die Bande betrunken und fesselt alle. Auf des Esels Rücken kehrt die Kleine im Triumph zurück. Der Esel darf dann nach einem Rückmarsch ins Gebirge dabei sein, wie die Räuber abgemurkst werden.

Bevor er die Dankbarkeit des geretteten Mädchens so richtig auskosten kann, erfährt er, dass Braut und Bräutigam bei einem Spaziergang am Strand von einer plötzlichen Welle ins Meer gerissen worden seien. So nimmt das ganze Sklavengesindel Reißaus und verkauft den lästigen Esel.

… Und der gerät an widerwärtige Priester und einen armen Gärtner, der sich mit einem Legionär eine Rauferei liefert und wird schließlich an die beiden Sklaven verkauft, die bei einem Reichen als Bäcker für Süßwaren und Spezialkoch malochen.

Der Esel frisst ihnen die besten Happen weg, wird dabei erwischt und halst sich das hemmungslose Liebesverhältnis mit einer perversen Dame auf, was ihn endlich wieder einmal einen Mann sein lässt.

Der »Big Boss« kriegt die Affäre spitz und will sie gewinnbringend im Zirkus vermarkten. Unter allgemeiner Begeisterung wird das Liebeslager auf der Bühne hergerichtet, auf dem eine schöne Nackte auf unseren Esel wartet. Blödsinniger Weise ist das Bett mit Rosen dekoriert: Lukios stürzt sich über sie und frisst wie ein Scheunendrescher. Das Publikum ist so um sein Vergnügen gebracht, denn statt des erwarteten Geschlechtsverkehrs sieht es einen splitterfasernackten Mann über die Bühne »flitzen,« nämlich zur Loge des obersten Verwaltungsbeamten, der ihn von früher her kennt und vor der Lynchjustiz des wütenden Pöbels – man hält ihn für einen üblen Hexenmeister – in Schutz nimmt.

Und was macht zu guter Letzt unser Abenteurer? Gleich am nächsten Tag besucht er die schöne Frau, der er schon als Esel so gut gefallen hatte, natürlich voller Hoffnung, ihr als Mensch noch mehr zu imponieren. Alle Klamotten wirft er von sich und präsentiert sich als Adam. Die Schöne mustert ihn verächtlich von oben bis unten und meint kauzig, das schöne Tier – also der Esel – habe sich in einen Affen verwandelt, und der prachtvoll lange Schlauch des Esels sei bis hin zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft.

Ein kurzer Befehl, ihre Diener packen den Nackedei und werfen ihn vor die Türe: Nackt wie er ist, muss Lukios die Nacht im Freien verbringen, bis er anderen Tags zum Hafen geht, wo ihn sein Bruder auf einem Schiff in Empfang nimmt. So endet die Eselei des Lukianos, und ganz gewiss wird unser junger Mann seinen Marsch durch die Fettnäpfchen bald wieder aufnehmen …

3.

Lieber Leser, wie du siehst, hat Apuleius den größten Teil der zentralen Handlung übernommen und ausgeweitet. Die spannenden Novellen sind erst von ihm eingefügt worden, und es stellt sich die Frage, warum. Die traditionelle Interpretation meint, dass diese shortStories eher störend wirken, weil sie die Handlung unterbrechen. Es gibt aber genauso gute Gründe, sie aus der Sicht des Apuleius für notwendig zu halten, weil sein Roman – bei aller anfänglichen Ähnlichkeit – ein ganz anderes Ziel anpeilt. Das beweist nämlich der Schluss:

Bei Lukianos bleibt der Held ein unverbesserlicher Tunichtgut. Er ist und bleibt ein Esel. Bei Apuleius hingegen wird Lucius – obwohl er sich in seinem letzten erotischen Abenteuer von seiner schlimmsten Seite gezeigt hat – unmittelbar darauf von all seiner Unvollkommenheit erlöst, erlöst von der gnädigen Göttin Isis.

Traditionell lesen wir, dass der Schluss des Apuleius einen Bruch in der Gesamt-Erzählung darstellt, einen grellen Umschwung, der zum Vorherigen nicht passe … Aber auch hier kann man, ja, muss man anderer Meinung sein. Es lassen sich gute Argumente dafür finden, dass das elfte Buch des Apuleius nichts anderes ist als der krönende Abschluss des ganzen Romans.

Um dies nachvollziehen zu können, wollen wir alles noch einmal vor den geistigen Auge vorbeiziehen lassen, indem wir nun den gesamten Roman aus der Sicht des abschließenden elften Buches betrachten, und dann – das werden wir sehen – erschließt sich erst das Programm der Erzählung. Das ist nämlich der Hauptunterschied zur satirischen aber insgesamt recht platten Novelle des Lukianos.

4.

Der Originaltitel des Romans lautet »MetamorphosesVerwandlungen«, und diese wenig werbewirksame Bezeichnung hat, wie man ja sehen konnte, ihre Berechtigung. Dass aber schon im ersten Kapitel des ersten Buches die erste »Verwandlung« vor sich geht, wird aber von den meisten Lesern übersehen:

Apuleius spricht den Leser an und teilt ihm mit, ihn erwarte ein unterhaltsamer Roman: »Leser, pass auf, du wirst deinen Spaß haben!« Und dann? Ja, dann »verwandelt« sich – fast unmerklich – der Romanautor in seinen Helden Lucius. Der Trick bei der Sache ist folgender: Apuleius redet den Leser in der ersten Person (»ich«) an, und gleich darauf und dann im restlichen Roman macht dies der Ich-Erzähler Lucius. So ist vom ersten Kapitel des Romans an klar, dass sich Apuleius mit seinem Helden Lucius gleichsetzt. Wer Zweifel hat, wird dann im elften und letzten Buch eines Besseren belehrt: In seiner Begeisterung über die »Erlösung« und Hinwendung zum Isis-Kult streift er die Lucius-Maske wieder ab und offenbart sein eigentliches Ich: ich, Apuleius! So ist der große Bogen über den ganzen Roman gespannt: Apuleius »verwandelt« sich zu Beginn seiner Erzählung in Lucius. Dieser wird bald in das verwandelt, was er ja im übertragenen Sinne schon ist, in einen Esel. Im elften Buch wird Lucius zurückverwandelt und auch im übertragenen Sinne von Esel erlöst, indem er sich der Religion der Isis zuwendet. Darauf »verwandelt« sich Lucius wieder in den Romanautor Apuleius, dessen persönliches Bekenntnis zum Isiskult damit offenbar wird.

Wenn wir dies alles beachten, kommen wir zu folgender überraschenden Erkenntnis: Lucius ist Apuleius, und Apuleius ist Lucius. Das gesamte uns vorliegende Werk ist ein großangelegtes Selbstbekenntnis des Autors; es schildert seinen Weg als Esel durch alle irdischen Tiefen und Miseren hin zur religiösen Erlösung.

Demnach hat das Ganze einen doppelten Boden: Neben einem spannenden Roman erfährst Du, lieber Leser, indirekt vieles über die Ansichten und Einsichten des Schriftstellers Apuleius, so viel wie über kaum einen anderen Römer. Wenn aber Lucius und Apuleius eigentlich dieselbe Person sind, dann dürfen wir es auch wagen, unserem Autor den von der Überlieferung verschwiegenen Vornamen zu geben: Lucius Apuleius! Soweit unser Überblick. Nun wollen wir unsern Lucius begleiten, wenn er durch sämtliche Fettnäpfchen der Antike stolpert:

5.

Wir beginnen unsere abenteuerliche Reise mit Lucius und seinen Reisegefährten. Den Namen »Lucius« hat man übrigens von »lux – Licht« abgeleitet. Lucius ist also unser »strahlender« kleiner Held. Er ist auf einer Geschäftsreise nach Thessalien, also in das Land der Hexen und Magier. Welche Aufgaben dort eigentlich auf ihn warten, erfährt man nicht. Dafür kriegen wir mit, dass Griechenlands Straßen allen Klischees von Römerwegen Hohn sprechen. Auch später ist der Marsch durch den Roman von unvorstellbar schlechten Wegen gesäumt …

Lucius steigt von seinem ermüdeten Gaul ab und schont das liebe Tier. Tierliebe gab es wohl zu allen Zeiten, aber der ganze Roman des Apuleius ist direkt und indirekt von Tierliebe erfüllt, einzigartig in der Literatur der Antike.

Lucius-Apuleius zeigt aber gleichzeitig einen weiteren höchst bemerkenswerten Charakterzug: Er ist verdammt neugierig, und wenn es ums Erfahren von Hexereien geht, ist er verrückt vor Neugier (1, 2–4). Während andere Reisegefährten von dem abgeschmackten Zeug nichts hören wollen (c. 20) und darüber spotten, besticht Lucius den Mitreisenden Aristomenes, »der gewaltige Held« (!), seine Gruselgeschichte zum Besten zu geben, denn für ihn ist »nichts unmöglich« (c. 20,3). Aristomenes erzählt also unverdrossen seine Hexengeschichte vom »Schwammherz«:

Diese Kurzgeschichte hat im Roman eine Doppelfunktion: Einerseits stellt sie eine eindringliche Warnung dar: »Mensch, misch dich nicht in die Sphäre des Übersinnlichen ein! Das Spielchen mit den Hexen ist nicht zu gewinnen.« Die andere Aussage lautet etwa so: »Frauen sind in sexueller Hinsicht aktivere als Männer.«

Der »große (Maul-)Held« Aristomenes berichtet nämlich von seinem Kumpel Sokrates. Natürlich heißt er absichtlich so wie der berühmteste Philosoph aller Zeiten. Sokrates lässt sich nämlich – obwohl verheiratet – mit einer ältlichen Weibsperson auf ein zügelloses Geschlechtsleben ein: Meroë heißt sie, was von »merum = unverdünnter Wein« kommt, ein passender Name für eine Frau, die so emanzipiert ist, eine Kneipe zu betreiben und obendrein den männlichen Gästen etwas mehr als nur Unterkunft und Essen anzubieten …

Unser Sokrates, der am Schluss der Gruselgeschichte als »Zombie« wandelt, ist so recht ein Vorbote des Lucius: Durch seine sexuelle Hemmungslosigkeit, oder weil er Meroë nicht widerstehen kann, gerät er ins Verderben: Ja, so kommt das, suggeriert uns Apuleius, aber ist das nett gesprochen von uns Männern, ist das erst recht freundlich gemeint über Euch, ihr lieben Frauen? Apuleius scheint fürs erste ein Anhänger des Spruches così fan tutte zu sein, oder? Nun, wir werden sehen.

In den verbleibenden Kapiteln 1,21-1,26 trudelt Lucius endlich in der Hauptstadt Hypata ein und fragt sich zum Gastgeber, dem Geizkragen Milo, durch. An der Haustür empfängt ihn eine freche, schnippische und süße Sklavin …

Doch ehe Lucius noch auf männliche Gedanken kommt, ersteht er auf dem Marktplatz diesen und jenen Fisch für seinen knurrenden Magen. Alles hätte seine Ordnung gehabt, wenn da nicht zufällig sein alter Schulkamerad Pythias aufgekreuzt wäre, der sich sofort bereit erklärt, Auskunft in allen Marktangelegenheiten zu geben. Apuleius nennt ihn aus purer Bosheit Pythias, weil die weissagende Priesterin im weltberühmten Delphi so ähnlich heißt, bekannt für ihre zweideutigen Orakel2 …

Pythias ist Marktpolizist geworden und bläst sich mächtig auf. Das erkannt man zum Beispiel daran, dass er von sich im Amtsplural »wir« spricht …

Wie dieser Beamte unsern Lucius um Geld und Essen bringt und sich dabei noch großartig vorkommt, ist schon ein tolles Ding und beweist, wie wenig Lucius-Apuleius von Beamten hält …

6.

In den ersten Kapiteln des zweiten Buches sehen wir Lucius in Hypata herumlaufen. Wunder über Wunder erwartet er, aber keins will geschehen. Da läuft er seiner Tante in die Arme und mit ihr in deren Prachtvilla. Wenn Lucius an die armselige Behausung bei Milo denkt, müsste ihm ein Umzug traumhaft vorkommen, aber Tantchen macht unbewusst einen Fehler: Sie warnt unsern Helden vor Milos Frau, einer mannstollen Hexe (c. 6). Sie heißt unverschämter Weise Pamphile, in freier Übersetzung: die »Frau, die alle Männer liebt.«

Weil Lucius neugierig ist, insbesondere, wenn es um Hexereien geht, hält ihn bei Tantchen nichts mehr (c. 6): Endlich eine Chance, an Zauberkram zu kommen. Aber wie? Ganz einfach! Ein so hübsches Mannsbild wird doch wohl die Sklavin des Milo herumkriegen, um so an die Geheimnisse der Herrschaften zu gelangen?! Photis heißt sie übrigens, »die Leuchtende« (griechisch). Wenn die nicht zu Lucius, »dem Leuchtenden« (lateinisch) passt?! Also nichts wie hin, und los geht es mit den erotischen Dialogen von Kapitel 6.

Seit der Gruselgeschichte vom Schwammherz weiß der Leser, dass Frauen (nach Apuleius) hinter den Mannsbildern her sind wie der Teufel hinter der armen Seele. Also, lieber Leser, wundere Dich nicht, wenn Photis gleich Feuer und Flamme ist. Aber auch unser Abenteurer ist hin! Vergessen ist seine kalte Berechnung von vorhin, als er in der Reizenden nur ein Mittel zum Zweck gesehen hatte. Jetzt ist er tatsächlich scharf auf sie und braucht sich nicht zu verstellen. Wie aber sieht Photis aus? Nun, sie ist vollschlank, denn als sie den Kochtopf schlenkert, gerät ihr ganzer Körper ins Schwabbeln: Lucius-Apuleius hat wohl gern etwas im Arm, oder?

In den Kapiteln 8 und 9 kommt es knüppeldick. Man kennt das ja aus der erotischen Literatur: Die schmachtenden Poeten gliedern sich in Po- bzw. Busenfetischisten oder ordnen sich einem kombinierten Modell unter. Pustekuchen bei Lucius-Apuleius! Hier singt er das hohe Lied der Schönheit, weil Photis so himmlisches Haar besitzt. Das Gesicht, gekrönt vom Haar, ist das schönste an der Frau. Lucius-Apuleius ist das einzigartige Beispiel eines Haar-Fetischisten. Ja, lieber Leser, die Worte Busen, Po, Taille usw. suchst du hier vergebens! Übrigens, liebe Leserin, meint Lucius-Apuleius gleich drauf herablassend, Frauen wollten ja grundsätzlich den Männern gefallen. Daher zögen sie sich so gerne sämtliche Kleider aus (8,4). Nana, wenn das eine heutige Emanze hört, läuft ihr die Galle über.

Nach diesen philosophischen Ergüssen eines Noch-Nicht-Aber-Fast-Schon-Esels – wir werden weitere dieser ironischen Ergüsse über uns ergehen lassen – geht es wieder zur Sache: Im Kapitel 10 wimmelt es nur so vor erotischem Wortwechsel. Heiße Küsse kündigen eine heiße Nacht an, aber ach! Erst will noch Milos Fraas heruntergewürgt sein (cc. 11ff.)…

Auch zu einem noch so miserablen Essen gehört das Gespräch der Gäste, und hier geht es natürlich wieder um die Geisterwelt. Milo hält das Ganze für albernen Schwachsinn; Lucius vergisst alles, sogar, was er mit Photis vorhat und verteidigt das Übersinnliche. Hin und her geht es bis man auf den Wahrsager Diophanes zu sprechen kommt (c. 14f.).

Wieder hat sich unser witziger Autor etwas Besonderes einfallen lassen, denn auf Deutsch heißt der Prophet »einer, der mit Hilfe des Zeus weissagt«: Dieser unverschämte Kerl nutzt den Aberglauben der Leute aus, um Geld zu scheffeln, bis, ja bis er selbst überlistet wird. Lucius-Apuleius mag das Zauberische noch so lieben, Wahrsager hält er für lächerlich, das wissen wir jetzt!

Endlich kann sich Lucius in sein Zimmer flüchten, und dann kommt, was kommen muss: In den Kapiteln 16 und 17 erleben wir Erotik vom Feinsten, »nur für reife Leser!« Lucius vergisst in seiner Sex-Besessenheit endgültig, wozu er diese Sklavin eigentlich hatte ausnutzen wollen. Er ist ganz verrückt nach ihr. Und sie? Ja, sie ist noch viel schlimmer, denn sie ergreift die Initiative, die traditionell den Herren der Schöpfung zukommt:

Unser guter Lucius liegt mehr oder weniger passiv auf dem Kreuz, während sie über ihm auf- und niederhüpft: Es ist die Stellung der »schwebenden Venus,« meint augenzwinkernd unser Autor und zeigt wieder, dass er Frauen beim Sex für extrem aktiv hält … Hinzu kommt natürlich noch – Verzeihung, Ihr Demokraten! – dass man sich als »edler Herr Lucius« nicht mit einer Köchin einlässt.

In den nächsten Tagen muss er sich aus ihren Armen befreien und nolens-volens bei seiner Tante zu Abend essen (c 18 ff.); und schon wieder kommt das Gespräch auf die guten alten Hexen:

Thelyphron, »der weibisch Gesinnte« oder »Schwätzer« erzählt seine Gruselgeschichte (cc. 21 ff.) eine zweite, noch eindringlichere Warnung an Lucius: Finger weg vom Hexenkram! Alles lacht zum Schluss des Gastmahls und freut sich auf den morgigen Tag des Gottes Risus.

Dieser Gott des Lachens dürfte freilich von Apuleius erfunden sein, um dem Roman so wunderbar weiterhelfen zu können, wie der Roman dann auch weitergeht. Lucius bringt nämlich im Suff drei vermeintliche Räuber vor Milos Haustür um und lässt sich dann halb tot ins Bett fallen. Damit endet Buch zwei.

7.

In den folgenden Kapiteln 1–12 erleben wir unsern Lucius in Hypatas Theater »vor Gericht.« Auf witzige Weise spielt sich der Klamauk ab, und wir erfahren mit Lucius gemeinsam, dass er statt drei Räubern nur drei Schläuche abgestochen hat. So wird er zur Lachnummer der ganzen Stadt, zum Opfer des Heiterkeitsgottes, den man gerade feiert. Aber bei allem Gelächter, bei aller Blamage, eine Frage bleibt: Haben sich die drei nicht wirklich wie Räuber gegen die Haustüre geworfen?

In den Kapiteln 13 / 14 erfahren Leser und Lucius endlich, was los war: Photis kommt nämlich mit einem Leder-Riemen – wenn das nicht eine Anspielung an gewisse erotische Praktiken ist – ins Schlafzimmer geschlichen und bittet Lucius um eine Abreibung … Das habe sie verdient. Aha, sie also war’s, die ihn verpfiffen hat! Und dann lüftet sie das Geheimnis (cc. 15f.): Milos Frau ist eine Hexe, und am liebsten verhext sie junge Burschen, um es mit ihnen zu haben. Eine liebestolle Hexe! So eine wie Meroë aus der Gruselgeschichte im ersten Buch (»Schwammherz«)!

Endlich weiß Lucius, wie er an Zauberkram kommen kann. Photis muss es ihm melden, wenn die Alte sich verwandelt. Das will er miterleben (c. 19)! Zuvor aber, warum eigentlich nicht, verlustiert er sich mit der Geliebten. Sein Lob für die Mollige ist diesmal differenzierter: Sie hat himmlisch verlockendes Haar (weiß man schon), ihre Lippen sind zum Küssen da, ihre Bäckchen sind goldig, und … auch ihre »Brüstlein« sind nicht zu verachten. So oder so tobt sich das Pärchen etliche Nächte aus (c. 20) »als nackte Krieger der Venus.«

Anschließend dürfen wir Pamphiles gelungene und Lucius’ missglückte Verwandlung miterleben (cc. 21f. / c.23f.). Er stellt nicht ohne Humor fest, dass er ein Esel ist, was er ja schon immer war. Ein Trost bleibt ihm: Sein Geschlechtsglied wächst und wächst und wächst (24,6). Oh Lucius!

Übrigens kommt jetzt die eigentliche Liebesprobe: Photis ist von all dem Ungemach geschockt. Aber wie reagiert dieser Esel? Wenn ihm nicht der Verstand davon abgeraten hätte, wäre er racheschnaubend über die Köchin hergefallen und hätte sie niedergetrampelt und totgebissen. Ja, das ist die wahre Liebe! So aber trottet er missmutig in den Stall zum eigenen Pferd und zu Milos Esel. Morgen wird ihm dieses gottverdammte Weibsbild die Rosen bringen, die er zur Entzauberung fressen muss (cc. 25f).

Lucius, der Esel, erwartet nun, dass ihm die beiden vierbeinigen Kollegen seine Tierliebe vergelten werden, aber nein! Mörderisch keilen sie nach ihm aus! Oh, morgen wird er es ihnen heimzahlen. Als er dann ausgerechnet vom Standbild der Pferde- und Eselsgöttin Epona die Rosen wegfressen will, bezieht er Prügel vom eigenen Sklaven. Ja, so geht’ dem lieben Vieh, wenn’ keinen so netten Herrn hat, wie es einst der gute Lucius war (cc. 27f.).

Aber bevor der Morgen graut und Photis Rosen kaufen kann, wird er von Räubern entführt und muss vorerst aufs Fressen von Rosen verzichten: Die Kerle würden ihn nämlich nach der Rückverwandlung sofort umbringen.

Übrigens ist Lucius nicht nur durch die Eselsgestalt in ungeahnte Tiefen gesunken, er ist jetzt auch noch unfreiwilliges Mitglied einer Räuberbande geworden, ja, ausgerechnet er, dieser Moralapostel!

9.

Das siebte Buch beginnt mit der Schilderung der Mittagsrast der flüchtenden Räuberbande: Bei nicht nähe beschriebenen Kumpels sind diese Jünger des Mars untergekrochen, und Lucius macht sich auf die Suche nach Fressbarem. Er ist nämlich noch nicht an Eselskost gewöhnt. Also vernichtet er die Gemüsekulturen eines geschockten Gärtners (c.2) und stopft sich mit dem rohen Zeug voll, bis der arme Mann über ihn herfällt. Durch gezieltes Ausschlagen bringt er ihn (fast) um und türmt dann. Hunde hetzen ihn und er zeigt sich als »schlauer« Esel, indem er umkehrt. Alles fällt über ihn her, um ihn totzuschlagen, aber er wehrt sich erfolgreich, und besprüht seine Peiniger mit einer »Kotdusche«: Angeekelt lässt man das Vieh in Ruhe (c. 3). Man ist jetzt im Bilde, wie man mit Haustieren umzugehen pflegt.

Weiter geht es, und Lucius will sich totstellen; aber Milos Esel kommt ihm zuvor, und Lucius kann sehen, wie man mit störrischen Eseln umgeht: Man hackt ihm die Beine durch und rollt ihn in die Schlucht. Jetzt endlich fügt sich unser Held ins Unvermeidliche (cc. 4f.).

Schließlich erreicht man die Räuberhöhle, und nicht ohne Witz zeigt unser Esel, wie gut er alles Drum und Dran dieser Behausung schildern kann. Prachtvoll und genussvoll vor allem, wie er die Fressorgie dieser Kerle darzustellen weiß (cc. . In der Räuberhöhle geht es wenigstens ohne Zauberei und Hexen und ohne Erotik ab, und Apuleius lässt drei Räuber von ihren durch Fortunas Tücke getrübten Raubzügen berichten. Alle drei zeigen – nicht ohne Humor – die Härte des Räuberalltags.

Lieber, teilnahmsvoller Leser, Du erfährst nebenbei, dass diese »Hotzenplötze« gar keine so üblen Burschen sind: Das böse Schicksal hat sie gebeutelt, und irgendwie muss der Mensch halt leben … Apuleius ist also nicht nur ein Tierfreund, nein, er ist auch voller Mitgefühl für die unteren sozialen Schichten. Schade, lieber Apuleius, dass du noch nicht die Sage von Robin Hood kanntest, oder die mehr oder weniger wahre Geschichte vom Kosaken »Stenka« Rasin (eig. Stepan Timofejewitsch Rasin), den man im berühmten russischen Volkslied noch heute besingt …

Übrigens ist unser Lucius auch ein verfressener Kerl, der in seiner Gier körbeweise Brot in seinem Schlund verschwinden lässt (c.22). Mäßigkeit, das wissen wir ja schon, ist nicht seine Stärke. Noch ist er mit dieser Völlerei beschäftigt, da schleppen die Räuber ein erbeutetes Mädchen herbei (c. 23), ein armes reiches, wunderschönes Mädchen, ein unschuldiges Mädchen, ein liebes Mädchen, ein bestimmt noch ganz unerfahrenes Mädchen, nur dem Bräutigam zugetan, also das Gegenteil zur liebesverrückten Photis (cc. 24 ff.) Später werden wir ihren Namen erfahren:

Charite heißt die Niedlichen; ein Griechisch-Lexikon hilft weiter: »die Anmutige« oder gar »die Begnadete«! Im Vorgriff sei es erlaubt zu sagen, dass sie jung sterben muss. So will es der »Kitsch« schon damals! Photis hingegen hat gewiss noch unzählige Liebhaber gehabt und ist uralt und entsetzlich fett geworden …

Weil die Kleine »flennt« statt den überraschend zurückhaltenden3 Räubern mal auf den Hintern zu klopfen, erzählt ihr die steinalte »Wirtschafterin« der Bande zur Ablenkung ein Märchen: die Geschichte von Psyche und Amor (cc. 5, 29–6, 24).

Lieber Leser, wahrscheinlich hast Du Dich – wie so viele Gelehrte4 vor Dir – über die Unterbrechung des Romans geärgert: »Was soll dieser Roman im Roman? Wenn der Apuleius uns Ammenmärchen auftischen will, dann sollte er dies an anderer Stelle tun.« Viele Leser überblättern diesen Einschub und nehmen sich vor, das Märchen später mal zu lesen, ohne es zu tun. So kommt es, dass »Psyche und Amor« ganz gegen Apuleius’ Willen auch als Monographie im Buchhandel zu haben ist. Wenn unser Autor sein »Märchen« aber an zentraler Stelle untergebracht hat, muss dies mit Absicht geschehen sein. Wozu wohl?

Aufschluss gibt uns der Name des Mädchens: Psyche heißt sie, »die Seele.« Man ist ja von Namen gebenden Eltern allerhand gewöhnt, aber »Seele« ist kaum machbar. Wie wäre es aber mit dieser Deutung: »Seele« ist der homo sapiens ganz allgemein, also, lieber Leser, jemand wie Du und ich. Apuleius hätte dann hinter dem Namen »Seele« den Weg5 des Menschen im Allgemeinen geschildert. Nun, wir werden sehen!

Psyche ist die jüngste von drei besonders schönen Schwestern und natürlich die schönste von allen. Über ihre außergewöhnliche Schönheit wird sie zu einer internationalen Attraktion, Mengen von (vermutlich männlichen) Besuchern strömen herbei, und sie genießt es, sich als »neue Venus« feiern zu lassen.

Keiner der bisherigen Deuter, die ja immer nur ein »harmloses« Märchen zu lesen glaubten, hat sich aber überlegt, woher man denn wissen kann, wie schön Psyche ist. Bei der Göttin Venus weiß es jedes Kind, weil ja überall – mal fett, mal schlank – ihre Nackt-Statue aufgestellt ist. Schöne Gesichter haben (fast) alle Göttinnen!

Wenn sich Psyche also so gerne mit Venus vergleichen und sogar als Venus-Konkurrenz anbeten lässt, dann beschleicht uns ein Verdacht: Sie wird doch nicht etwa?! Und das in aller Öffentlichkeit?! Oder doch? Wenn nicht, woher sollte man dann bei den damals wallenden Gewändern wissen, ob sie … Siehst Du, lieber Leser, unsere Psyche ist gar nicht ohne, obwohl sie vielleicht ganz ohne ist, jedenfalls gelegentlich. Aber dass sie sich dadurch auf eine Stufe mit den Göttern6 stellt oder auch stellen lässt, soll ihr übel bekommen, denn sowas macht man nicht …

Wie geht’ weiter? Psyches mächtiger Ruf als »Sex-Symbol« verhindert natürlich, dass sich irgendein Mann ernsthaft für sie interessiert: Sie gehört nämlich allen Männern, und man sollte sich nicht wundern, wenn gerissene Händler Abbildungen und Statuetten von ihr auf den Markt gebracht hätten.

Die Schwestern kriegen ihren Kerl, Psyche geht leer aus, und die Eltern sollen es richten. Ja, jetzt plötzlich sind sie wieder gefragt. Ratlos wie sie sind, fragen sie ein Orakel und erfahren, dass die Schöne einem Biest7 zur Frau bestimmt ist.

Nach ihrer »Totenhochzeit« findet sie sich in einem göttlichen Palast wieder. Auch wenn bisher noch kein einziges lobendes Wort über ihre Intelligenz gefallen ist, dürfen wir annehmen, dass dieser Wohnsitz auch einem bescheidenen Verstand als der eines Gottes in die Augen springt.

Der Liebhaber kommt denn auch Nacht für Nacht, und Psyche vergnügt sich zunehmend bei erotischen Spielchen: Sie hat ihn noch nie gesehen, weiß nicht, wer er ist, und doch … Oh, verdammte Unmoral! Sie nimmt, was sie kriegt, und das mit Vergnügen. Wehe, wenn andere Götter davon erfahren; am Ende stehen sie Schlange, ganz vorne der Oberweiberheld Jupiter (Zeus).

Und dann erfahren wir endlich, dass es mit ihrem Verstand nicht weit her ist: Ihre Schwestern reden ihr nämlich ein, sie treibe es mit einer Schlange, und die blöde Psyche glaubt es, weil sie den Bettgenossen noch nicht gesehen hat … »Mein Gott,« stöhnst du, lieber Leser, »sie hält ihn Nacht für Nacht in den Armen, sie streichelt ihn, fühlt ihn mit dem ganzen Körper, küsst ihn. Das darf doch nicht wahr sein! Nicht mal Amors Flügel sollte sie ertastet haben, von gewissen Feinheiten unterhalb der Gürtellinie ganz abgesehen!«

Psyche bricht ihren Schwur – die nächste Dummheit dieses unmoralischen (inzwischen schwangeren) Mädchens – und betrachtet hingerissen den nackten geflügelten Jüngling. Er fliegt davon und lässt sie mit »Entzugserscheinungen« zurück.

Stärke und entschlossenes Handeln wären jetzt gefragt, aber das schwache Mädchen begeht seinen ersten – erfolglosen – Selbstmordversuch. Dass sie damit gleich ihr Kindchen mit umgebracht hätte, scheint sie nicht zu kümmern.

Auf ihrer Wanderschaft sucht sie die Schwestern auf. Psyche, merkst du denn nicht, dass du genau so schuldig bist wie sie?! Warum hattest du kein Vertrauen zum Geliebten? Wer hat dich gezwungen, auf diese »Schlangen« zu hören? Doch Psyche ist blind vor Rachsucht: Statt ihren Schwestern zu vergeben, sorgt sie dafür, dass beide auf entsetzliche Weise umkommen und begeht indirekten Doppelmord an ihnen.

Inzwischen ist Venus hinter ihr her, und Psyche ist lange Zeit zu feige, sich zu stellen. Erst, als sie keinen Ausweg mehr sieht, begibt sie sich zur Schwiegermutter, die sie wenig begeistert empfängt. (Heutige Mütter dürften ähnlich reagieren). Doch Venus ist gar keine üble Person: Statt Psyche zu vernichten, stellt sie ihr scheinbar unlösbare8 Aufgaben. Sie bekommt eine Chance. Doch was tut das Mädchen? Ohne es überhaupt zu versuchen, will sie schon wieder Selbstmord begehen.

Mit fremder Hilfe meistert sie alle Hürden und marschiert mit der berühmten Büchse voller Schönheitsmittelchen nach Hause zu Venus. Und da passiert es! Die alte Eitelkeit von damals, als sie sich als Venus hatte anbeten lassen, bricht wieder durch: Psyche will sich – trotz Verbot – selbst mit dieser göttlichen Salbe einreiben, um noch schöner zu werden, doch der Schlaf springt heraus und wirft sie tot zu Boden. Psyche ist endgültig gescheitert!

Nun kommt der deus ex machina, nun kommt Amor und nimmt die Dinge in die Hand. Jupiter, der alte Schwerenöter, steht ihm bei, und Psyche wird erlöst und zu den Unsterblichen erhoben; sie geht zu den Göttern ein, obwohl sie im irdischen Leben versagt und nichts, aber auch gar nichts bereut hat. Sie hatte ihr himmlisches Liebesleben ausgekostet und – nach der Vertreibung aus dem Paradies – den Genuss der Rache gehabt.

Und was ist das fabula docet, fragst du, lieber Leser, verdutzt? Etwa, dass wir Menschlein zwar das Leben genießen sollen, aber danach nicht aufgrund eigener Verdienste in den Himmel kommen können? Dass die Götter uns begnadigen müssen? Was sonst könnte Apuleius mit dieser Geschichte gemeint haben?! Psyche hat das Leben in vollen Zügen und ohne Reue genossen. Sie hat bei allen Schwierigkeiten versagt; sie besitzt keine charakterliche Größe, nur schön ist sie, ein für uns Menschen vorübergehender Vorzug. Und sie wird dennoch göttlich, eine Diva.

Und wer ist Psyche? Im engeren Sinne ist sie unser Lucius-Apuleius. Der Dichter hat das »Märchen« an geeigneter Stelle eingeplant, um den Weg des Lucius (und damit seinen eigenen) aufzuzeigen. Dieser Lebensweg ist aber dann auch der aller Menschen! Ein Weg voller Genuss, Freuden, Torheiten und Tollheiten der Jugend, letztlich aber auch voller Schuld und Versagen.

Aber auf der Reise unseres Lebens winken eines Tages andere Ziele: Nach dem nur allzu Menschlich-Irdischen kommt (gelegentlich) unsere Sehnsucht nach dem Göttlichen. Wer diese Reise geht und dabei den Glauben nicht verliert, kann zu den Göttern kommen: »Sündige tapfer, glaube tapferer«, meint dazu Martin Luther.

10.

In 6, 25 tobt unser Esel auf höchst witzige Weise: Mit seinen Hufen kann er die Fabel nicht aufzeichnen, und sie wird wohl dem Vergessen anheim fallen. Geschickter kann man gar nicht zur traurigen Wirklichkeit des Esels überleiten:

Wann werden die Räuber den Esel endlich schlachten und braten? Lucius will es nicht soweit kommen lassen, nutzt die Abwesenheit der Wegelagerer und haut ab. Das Mädchen rennt hinterher und schwingt sich auf den Rücken des entzückten Esels, der so ganz zufällig die süßen Füßlein der Kleinen küsst. Was der moderne Leser aber nicht weiß: Die Niedliche hockt mit nacktem Hinterteil auf dem ungesattelten Esel. Hosen trug man damals nicht! Und das macht unserem Esel so richtig Spaß. Wie ein Rennpferd donnert er davon, bis die Räuber dem Fluchtversuch ein Ende bereiten (c. 30). Die Bösewichter denken sich dann um die Wette die schönsten Pläne aus, wie man die beiden Ausreißer umbringen kann.

Im siebten Buch taucht der Pseudo-Räuber »Hämus – der Blutige« auf, der die Bande auffliegen lässt: Lucius hat das Vergnügen, das Mädchen heimwärts zu tragen. Gewiss muss sie jetzt, wo es um nichts mehr geht, seitwärts im Damensitz hocken.

Lucius soll sich zur Belohnung auf der Weide an den Stuten auslassen, damit es tüchtige Maultiere gibt, aber – beim Zeus! – die eifersüchtigen Hengste prügeln ihn dafür halb tot. Lieber Leser, ja, es ist schon erstaunlich, dass der Mensch im Eselsfell sich einen derartigen Sex überhaupt vorstellen konnte. Mensch mit Tier … nennen wir Sodomie, nach der Stadt Sodom, die Gott einst im Feuersturm vernichtet hat …

Die Strafe für derartige (wenn auch nur erträumte) Genüsse kommt bald: Der junge Eselsschinder bringt die andern Hirten dazu, Lucius kastrieren zu lassen, das Allerallerschlimmste, was der sich vorstellen kann. Also reißt er aus, und weil ein Wanderer auf das »herrenlose« Tier springt und dann als »Dieb« erwischt wird, fühlt sich Lucius ganz elend: Ist er nicht schuld am Tod des armen Kerls?

Das siebte Buch schließt mit den erbitterten Vorwürfen der Mutter des jungen Eselschinders: Ein Bär hat ihn umgebracht, und Lucius hat ihm nicht beigestanden. Deshalb fesselt sie das arme »Tier« – ausgerechnet mit ihrem Büstenhalter! – und schlägt es halb tot. Lucius rettet sich erneut mit Hilfe der »Kotdusche« …

11.

Das achte Buch beginnt mit der Moritat um Charite, »die Anmutige.« Dieses aus den Händen der Räuber gerettete Mädchen steht im Esels-Roman einzigartig da. Sie ist das Gegenteil aller übrigen »Damen« und für vorehelichen Verkehr, Untreue oder Ehebruch nicht zu haben. Sie liebt nur einen Mann und ist die ideale Hausfrau. Es ist genau der Typ, die unsere Herren der Schöpfung letztendlich heiraten wollen, nachdem sie sich ausgiebig mit anderen ausgetobt haben …

Sie aber bringt mit ihrer strengen Moral das Unheil erst ins Rollen: Was kann denn der arme Thrasyllus dafür, dass er sie so kochend liebt und ohne sie nicht leben kann? Er hat ja keine Gelegenheit, von dieser Torheit geheilt zu werden. Er weiß nicht, wie es ist, wenn kein Frühstück auf dem Tisch steht, die Wohnung nicht geputzt wird, und die Wäsche schmutzig herumliegt, wenn die Frau schlampig und fett wird, und die Kinder in der Schule sitzen bleiben …

So sieht der Ärmste keinen anderen Ausweg als die Bahn des Verbrechens. Ein gelegentliches Schäferstündchen im Stile der liebestollen Photis hätte die ganze Moritat ad absurdum geführt, insbesondere wenn sich auch der »edle Tlepolemus« anderswo schadlos gehalten hätte, knurrend vielleicht und mit einem cosí fan tutte auf den Lippen. So aber endet alles in Tragik und mit drei Toten, und das sollte das Ziel der guten Moral gewesen sein?!

Der ganze Sauhaufen von Sklaven und Hirten hört die Botschaft vom Tode ihrer Herrin traurig-freudig und reißt aus. Vergessen ist der Kastrationsplan, hurra! Zwischendurch hat man Probleme mit gewalttätigen Bauern und einem menschenfressenden Drachen, bevor man (in c. 22) irgendwo übernachtet, wo Lucius schon wieder eine Horrorgeschichte aufschnappt: Eine Sklavin regt sich über die Untreue des Lebensgefährten auf und begeht eine schreckliche Untat. Der Herr bestraft den bösen Sklaven bestialisch: Eine moralisierende erneute Ehebruchsgeschichte.

11.

In c. 23 wird der Esel verkauft. Keiner will ihn, nur die »perversen« Priester der Syrischen Göttin, rechte Schweinepriester! Apuleius lässt hier und im Folgenden seinen Hass an dieser Religion gründlich aus. Offenbar verachtet er orgiastische Religionen (kommt von Orgie!).

Ende des achten/Beginn des neunten Buches entkommt Lucius mit knapper Not der Schlachtung: Dem Koch haben die Köter das Fleisch geklaut, und als der arme Tropf sich vor Angst umbringen will, rät ihm seine Frau, lieber den Esel zu verwursten … Immerhin: Eine um den Gatten besorgte Ehehälfte! Sowas gibt’s gelegentlich auch noch mal.

Die ekligen Priester ziehen weiter, und Lucius kommt die nächste Ehebruchsgeschichte zu Ohren: Die Mär vom Liebhaber, den so ein Flittchen im Fass versteckt. Frechheit siegt! Diesmal bleiben Hure und Hurenbock ungeschoren, und der Ehetrottel hat den Spott auf seiner Seite.

Das Ganze ist übrigens bei Boccaccio (Decamerone 7, 2) in Bearbeitung nachzulesen … Und wo bleibt die Moral?! Lieber Leser, hast du etwa überlesen, dass unser Ehetrottel seine Frau zu Hause einsperrt und sie offenbar keinen freien Ausgang hat?! Was der »Herr« aber außer Hause so alles treibt, wer weiß?

Weil die säuischen Priester klauen und sich erwischen lassen, wird unser Lucius weiterverkauft und gerät in die Mühle (9, 10 ff.). Die cc. 12f. gehören zum Erschütterndsten der antiken Literatur, nämlich die Schilderung dieser Knochen-Mühle. Unser Autor, den wir ja längst als Tierfreund kennen, der auch den Gestrandeten in der Räuberhöhle Verständnis entgegenbringt, klagt hier das Schicksal der geschundenen menschlichen Kreatur an und hat damit höchstes Lob verdient: Er ist ein »Humanist«.

Der böse Geist dieser Hölle aber ist – wie könnte man es anders erwarten – die Frau des Müllers. Sie schindet den Esel vorsätzlich und ist gleichzeitig eine abgefeimte Hure. Eine Kupplerin geht bei ihr ein und aus und versorgt sie mit Liebhabern. Aus den Munde dieses widerlichen Weibs hören wir dann die nächste Ehebruchsgeschichte, die mit den vergessenen Schuhen:

Wieder ist der Ehemann der Depp! Wieder bleibt die Moral auf der Strecke. Aber diesmal ist der Hintergrund noch deutlicher: Die untreue Frau ist nämlich einem giftigen Alten mit dem Beinamen »Skorpion« verheiratet und rächt sich jetzt. Gewiss hat sie ihn nicht aus Liebe genommen, diese senile Giftspritze (cc. 17 ff.).

Anschließend bereitet Frau Müller ihren eigenen Ehebruch vor, doch alles geht daneben: Sie wird erwischt, genau so, wie die Nachbarin erwischt wurde. Aber Herr Müller ist ihr gar nicht böse sondern nimmt den jungen Kerl mit in sein Bettchen (so ein Ferkel). Was seiner Frau gefällt, das mag er auch (bis c. 28). Dann schmeißt er beide aus dem Haus hinaus.

Auch hier vermeidet es Apuleius also, die Moral zu dick aufzutragen. Alle drei Verführungsgeschichten zeigen das menschliche Leben, wie es eben ist: jenseits von hoher Moral. Übrigens rächt sich die verstoßene Frau entsprechend grässlich. Lieber Leser (hier nur männlich!), sei vorsichtig! Nimm den Rat des Apuleius an: Frauen mögen schwach sein, aber mit ihrer Rachsucht ist nicht zu spaßen …

In 9, 31 wird unser Esel von einem Gärtner erstanden, und auf den nächsten Seiten schildert Apuleius recht teilnahmsvoll das Los dieses armen Tropfs. Immerhin behandelt er den Esel den Umständen entsprechend gut.

Die Gärtner-Episode wird von der Novelle des Kampfes der Armen gegen den Reichen unterbrochen (cc. 33 ff.). Unser Autor nimmt die Partei der sozial schwächeren ein, wie wir es von ihm gewohnt sind: Die meisten »Helden« seines Romans kommen aus einfachen Verhältnissen.

Ab c. 39 dürfen wir die Auseinandersetzung des Gärtners mit dem Legionär genießen. Der Soldat benimmt sich arrogant und bekommt dafür Prügel. Wir erfahren nebenbei, dass Apuleius kein Freund der Armee ist … Übrigens geht’ dem armen Gärtner dann doch noch an den Kragen, weil Lucius mal wieder von seiner bekannten Neugier überwältigt wird und zum Fenstern hinaussieht. Wie oben beim armen Wanderer verursacht er unabsichtlich den Tod eines Menschen. Das ist tragisch! Das ist realistisch! Wie oft werden wir schuldig, ohne es zu wollen!

12.

Im zehnten Buche marschiert Lucius eine Weile mit der Armee. Dabei dringt eine weitere Moritat in seine riesigen Ohren, der Krimi vom Stiefmutter und Stiefsohn (cc. 2 ff.). Auch hier dürfen wir vielleicht Nachsicht mit der bösen Frau üben: Irgendjemand hat sie an einen Witwer verschachert, und dort verliebt sie sich in den Stiefsohn, der gewiss besser zu ihr passt. Ja, es ist nicht einfach mit der Moral …

Apuleius weiß nebenbei begreiflich zu machen, für wie kochend heiß er die Begierde der antiken Frau einschätzte, jedenfalls hoch über der von Männern. Diese Tatsache ist eine weitere Entschuldigung für die verhinderte Mörderin: Sie kann gar nicht anders handeln. Lieber Leser, hab auch Du Verständnis!

Ab c. 14 lächelt das Glück dem Esel endlich zu: Er wird von Brüdern gekauft, die als Spezialkoch und Zuckerbäcker arbeiten. Dort kann Lucius endlich mal wieder wenigstens einen seiner Triebe ausleben: Er frisst nämlich ihnen heimlich die besten Stücke weg! Natürlich wird er erwischt …

Aber auch sein Sex-Trieb muss nicht länger brach liegen: Das Gerücht vom schlauen Esel, der wie ein Mensch isst und trinkt, lockt eine perverse verheiratete Dame herbei, die es mit dem Tier treiben will (c. 20 f.) Dame auf den Plan: Jetzt sinkt Lucius auf seinen moralischen Tiefpunkt: Er weiß, dass sie verheiratet ist und treibt dennoch mit ihr Geschlechtsverkehr:

Nach so vielen Ehebruchs-Geschichten ist Lucius nun selbst zum Ehebrecher geworden, denn er ist ja eigentlich ein Mensch. Aber die Strafe folgt auf dem Fuße: Weil sich sein Besitzer heimlich das Spektakel ansieht, beschließt er, den Schweinkram im Theater aufzuführen. Bettgenossin des Esels wird eine Verbrecherin sein, oder sollte es uns auch diesmal gelingen, die Arme in Schutz zunehmen? Nun, dazu müssen wir kurz ihre Lebensgeschichte vernehmen (cc. 23 ff.):

Ihr Mann holt seine vom Vater als Baby verstoßene Schwester ins Haus, ohne der liebenden Gattin zu sagen, wer die Hübsche ist. Ohne es zu sagen, geißelt Apuleius hier das fehlende Vertrauen, die Sprachlosigkeit der Eheleute. Sie liebt ihren Mann nämlich bis zum Irrsinn – Thrasyllus lässt grüßen – so dass der Eifersuchtsteufel leichtes Spiel mit ihr hat: Ihre Liebe wandelt sich im mörderischen Hass, und sie bringt die vermeintliche Nebenbuhlerin bestialisch um. Dann vergiftet sie den Mann, der es aus unverständlichen Gründen nicht über sich gebracht hat, sie der Polizei zu übergeben. Sollte er sie immer noch lieben?

Im Rest der Schauergeschichte mordet die Gute weiter, zunächst, um an die Erbschaft zu kommen, dann, um alles zu vertuschen. Dabei unterläuft ihr ein Schnitzer, und alles kommt heraus: Sie wird ad bestias verurteilt, soll aber, bevor die Bestien sie fressen, mit dem Esel den Geschlechtsakt auf der Bühne vorführen …

Apuleius zeigt uns auch mit dieser letzten Novelle die Abgründe in uns Menschen: Diese Mörderin hätte unter anderen Umständen ein blütenweißes Dasein gefristet, wäre da nicht … Immer sind es die menschlichen Triebe: Liebe, Hass, Eifersucht, Gefräßigkeit, Neugier usw., über allem aber – viele, viele Jahrhunderte vor Sigmund Freud – der Sexualtrieb.

Der Rest des zehnten Buches ist rasch abgehandelt: Einem stumpfsinnigen Publikum werden nach dem Motto für jeden etwas männliche und weibliche Nackedeis zum Anglotzen vorgeführt. Und was macht unser verdammter Esel? Wie erwartet gafft er mit! Von Besserung, von Läuterung keine Spur.

Es ist die reinste Heuchelei, wenn er in c. 33 darüber wütet, dass Páris sich mit in Aussicht gestelltem Sex habe ködern lassen. Lucius ist selbst so ein Páris! Und jetzt behauptet er auch noch, sich vor seinem unsäglichen Auftritt zu schämen! Im stillen Kämmerlein hat er sich doch auch nicht geschämt, und die blöden Leute wissen ja nicht, dass im Esel ein Mensch steckt! Nein, mein lieber Lucius, da bist du schon ehrlicher, wenn du zugibst, Angst vor den Bestien zu haben.

Um von ihnen nicht gefressen zu werden, türmt er in einem unbewachten Moment. Damit enden die gesammelten Eseleien, damit endet das turbulenteste Jahr im Leben des edlen Herrn Lucius. Der harte Winter (auch im übertragenen Sinn) ist vorüber. Die ersten lauen Frühlingslüfte wehen, die ersten Rosen knospen, und es wird ihm doch – verdammt noch mal – endlich gelingen, eine der köstlichen Blumen zu fressen und so die Eselsgestalt abzustreifen.

13.

Mit dem elften Buch seines Romans hat Apuleius die gelehrte Welt in helle Aufregung gestürzt. Das Werk ändert nämlich, um es musikalisch auszudrücken, plötzlich Klang, Tonart und Stil: Auf die bunte Fülle der Capriccios, Scherzos und in Tönen abgefassten Balladen oder Moritaten mit Drehorgelbegleitung folgt nun ein feierlicher Choral, wie er seit Mendelssohns Reformations-Sinfonie die Musikwelt erobert hat und alle Welt bei Brahms und Bruckner bis heute beeindruckt (oder nicht).

Also ist das Urteil leicht gefällt: Es passt nicht zum Gesamtwerk; es ist ein Fremdkörper, »ungeschickt angestückelt.« Dieser Meinung ist zum Beispiel Helm (1956 ff.) in seiner doppelsprachigen Ausgabe, der es ganz verständlich findet, wenn der Übersetzer Rohde (19. Jh.) diesen Teil des Werkes verkürzt wiedergibt. Und überhaupt: Wer mag schon diese offensichtlich religiöse Propaganda am Ende eines – so ein populäres Lexikon – »unanständigen« Romans?

Mit dieser Kritik muss Apuleius »leben«. Weil man aber das elfte Buch nicht einfach wegstreichen konnte, um zur Fassung des Lukianos zurückzukehren (s.o.), erfolgte eine Neubewertung des Gesamtwerkes aus dem Blickwinkel des Schlussteiles. Wenn nämlich Apuleius sein Werk mit dieser Hymne schließt, muss der zehnfach so umfangreiche Vorspann aus seiner Sicht dazu passen.

Also müssen auch die ersten zehn Bücher religiös motiviert sein, oder? Die gelehrte Konstruktion ist dann simpel: Apuleius zeigt die ganze Abscheulichkeit, Verworfenheit und Ausweglosigkeit seines früheren Lebens9 auf. Das hat er jetzt hinter sich. Er ist erlöst. Freilich gehört er nicht zu den Erlösten im Sinne Goethes: »Wer stets strebend sich bemüht …« Er ist eher im Sinne von Luthers Rechtfertigungslehre »begnadigt« worden: Der Mensch ist zu schwach, um sich selbst »an den eigenen Haaren« (wie Münchhausen) aus dem Sumpf zu ziehen. Aber Gott liebt und erlöst ihn dennoch. So mag es verständlich sein, wenn der Kirchenlehrer und Heilige Augustinus (354-430) dieses Werk schätzte und ihm den Titel Der goldene Esel gab. Der Kirchenmann hatte nämlich – ganz wie Lucius, der Esel – »ein von sinnlichen Leidenschaften erfülltes Jugendleben« (Wörterbuch der Antike) hinter sich, bevor er sich bekehrte und im reifen Alter von 33 Jahren taufen ließ …

Unser Apuleius mit seiner breit geschilderten Unmoral stört das heile Bild einer erträumten »edlen« Antike empfindlich, das Bild von »stiller Einfalt und edler Größe«; seine vorgeblich »unanständigen« Geschichten empfand der römische Leser nämlich als kaum oder doch wenig anstößig, und in heutiger Zeit sind wir gewiss stärkeren »Tobak« gewöhnt.

Bei dieser Art der modernen Interpretation wird ferner gänzlich übergangen, was der Autor selbst zu seinem Werk sagt (in 1, 1,6):

»Lector, intende! Laetaberis – Leser, pass auf! Du wirst dein Vergnügen haben.«

Daher hat man das elfte Buch einer Revision unterzogen (seit K. Sallmann, 1988) und dabei festgestellt, dass sich unser Lucius-Apuleius nach seiner Rückverwandlung vom Regen in die Traufe begibt.

Die Leiden eines Esels werden nun auf anderer Ebene fortgesetzt. Er entsagt allem Irdischen und schuftet Tag und Nacht für die Götter Isis und Osiris. Dazu gehört ein permanentes verkrampftes (?) Bekunden der Freude. Dies – so vermutet man – ist genau so penetrant wie das ewige Halleluja-Schreien des berühmten »Münchners im Himmel«. Das Fazit dieser Erklärung: Lucius ist und bleibt ein Esel, ganz gleich, in welcher Umgebung er sich gerade mal wieder austobt.

Dieser neuerliche Versuch, die Einheit des Romans zu retten, krankt aber an folgendem: Man mag das elfte Buch lesen, so oft man will, es findet sich keine Spur von Ironie, schon gar keine Selbstironie nach dem Motto: »Da schaut her! Was bin ich doch schon wieder für ein Depp!«

Die Religiosität ist in feierlich-ernstem Ton vorgetragen, und der Ton macht bekanntlich die Musik. Daher ist diese Interpretation nicht haltbar. Sie ist aber auch unhistorisch: Zur Zeit des Apuleius schwappte eine Woge von Erlöser-Religionen aus dem Osten über den Westen. Jupiter und seinesgleichen hatten abgewirtschaftet. Man suchte neue Wege und fand sie, nämlich zuletzt im Siegeszug des Christentums!

Einen kurzen Augenblick nur, lieber Leser, wollen wir uns vorstellen, unserem Lucius-Apuleius wäre die Gottesmutter Maria und später Jesus Christus persönlich erschienen … Ja, dann wäre dieser Roman eine Pflichtlektüre für jeden Theologen, und Apuleius das, was er auch so verdient: ein Bestseller-Autor! So aber hat er sich leider eine untergegangene Religion ausgesucht und ist wenig bekannt, obwohl ihm Umberto Eco in Name der Rose ein Denkmal setzt.

Der Ansatz zur Erklärung dieses zwar religiös motivierten, aber keineswegs todtraurigen Romans liegt in dem einen Jahr, das Lucius als Esel durchlebt. Um es dir, lieber Leser, zu erklären, will ich aus dem Gedächtnis die Legende um den großen mittelalterlichen Schriftsteller Caesarius von Heisterbach (ca. 1180–1240) referieren:

Eines Tages verließ er sein Kloster, um einen Spaziergang zu machen. Als er abends wieder an die Pforte klopfte, öffnete ihm ein fremder Bruder das kleine Fenster und kannte die greisenhafte Gestalt draußen nicht. Schließlich stellte man fest, dass vor hundert Jahren ein Mönch dieses Namens das Kloster verlassen hatte.

Oder kennst Du die Novelle »Rip van Wikle« von Washington Irving (1783 – 1859): Rip, ein junger Mann, geht zur Jagd ins Gebirge, begegnet allerhand Kobolden, schläft ein und kehrt am folgend Tag als Greis in sein Dorf zurück: Jahre sind vergangen! Ein Gutes hat die Sache aber doch: Seine fürchterliche Frau ist inzwischen gestorben …

Vor Gott ist ein Tag ein Jahrhundert, ein Jahrhundert ein Tag. Die Zeit ist eine relative Größe, lehrt die Physik seit Einstein. Aber auch die menschliche Erfahrung zeigt es: Im Rückblick vereinigt sich die Zeit unseres Lebens in einem Punkt; vor uns liegen unendliche Weiten!

So symbolisiert das eine Eselsjahr des Lucius-Apuleius die gesamte Jugendzeit des Menschen. Sie will erlebt und durchlebt sein, samt all ihren Torheiten, Wirrungen und Irrungen. Aber solange wir selbst in diesem Lebensabschnitt existieren, sind wir nicht in der Lage, weise darüber zu urteilen.

Das milde, ja, mitleidige Lächeln der »reifen« Semester über die Tollheiten der Jugend sind nur zu bekannt! Aber es ist doch so: Ab einem gewissen Alter – früher oder später – erinnert uns die nachlassende Physis nachdrücklich daran, dass wir alle endlich sind. Das Leben, insbesondere die Jugend, ist eine Leihgabe. Aber das darf doch nicht wahr sein! Wir so bedeutenden Persönlichkeiten sollen eines Tages spurlos verschwunden sein?

So ereilt uns irgendwann die Gretchenfrage: »Wie hast du’ mit der Religion?« Wenn wir nun Apuleius folgen, wie ich ihn verstehe, dürfen wir uns – ohne unsere Jugendsünden im geringsten bereuen zu müssen – als »gereifter« Mensch ins edle, köstliche Reich der Theologie und Philosophie begeben.

Die Erinnerungen an alles, was einst war, wenn der milde Schein der Abendsonne selbst schreckliche Erlebnisse verklärt, können uns Trost und Hilfe sein. Die Voraussetzung aber ist, dass wir nie den Glauben verloren haben und zynisch oder bösartig geworden sind. Der Glaube10 allein rechtfertigt uns, nicht die Tat.

Lucius ist nicht besser geworden. Er würde in gleicher Lage wieder genauso handeln. Er ist vielmehr ein anderer geworden. Die Gottheit hat ihn berufen, ob er wollte oder nicht. Gnade ist ein Geschenk, aber auch ein Auftrag, der zu erfüllen ist, ja, eine Last. Lucius beugt sich dem, und wenn er darüber Freude empfindet, ist es eine von innen kommende, oder sollte er etwa doch nur ein Heuchler sein?

Zum Schluss: eine Lanze für den Esel

Das Pferd (in allen gezüchteten Varianten), das Zebra und der Esel nebst Halbesel bilden die beinahe ausgestorbene Gruppe der Einhufer. Die übrigen Pflanzenfresser (zum Beispiel Rinder, Antilopen usw.) sind Paarhufer. Der Esel ist so eng mit dem Pferd verwandt, dass sich beide Tierarten kreuzen lassen. Es entstehen dann die Bastarde Maulesel (selten gezüchtet) und Maultier (das Pferd stellt das Muttertier). Das Maultier erreicht die Höhe des heutigen Großpferdes, verbunden mit der unglaublichen Genügsamkeit, Trittsicherheit und Ausdauer des Esels. Vor einigen Jahren konnte ich in den Dolomiten eine Truppe Alpini beobachten, deren gesamtes Material von solchen Pferden mit Eselsgesicht durch unwegsames Gelände geschleppt wurde …

Der Esel zeichnet sich durch seine sprichwörtliche Genügsamkeit und Zähigkeit aus. Er ist im Altertum und Mittelalter, ja noch heute in einigen Entwicklungsländern, das »Pferd des kleinen Mannes« und das Transportgerät schlechthin. Hinter das Haus gestellt, gab er sich mit ein paar dürren Kräutern usw. zufrieden, und wenn er gebraucht wurde, war er im Stande, unglaubliche Lasten zu tragen. Ein »stattlicher« Kollege berichtete mir, wie er irgendwo im Süden auf einem Esel geritten sei, trotz anfänglichem Sträuben. Das Tier schleppte ihn mühelos den Berg hinauf …

Wir wollen also festhalten: Der Esel ist relativ robuster als das Pferd, er ist ausdauernder, er ist viel billiger zu haben, und doch ist er in der modernen Welt vom Aussterben bedroht, weil der Reitsport mit ihm nichts anfangen kann. Unsere Kinder aber sind begeistert, ihn in einem Streichelzoo hätscheln und reiten zu dürfen. Der Esel ist ein lieber Geselle. Wie kommt es aber, dass er zum Synonym für Blödheit und Sturheit geworden ist? Wir Menschen haben ihm diesen blühenden Unsinn angedichtet, daraus ein Klischee gemacht und dieses von Generation zu Generation weitergegeben: »Du blöder, sturer Esel!«

Zu allen Zeiten nämlich wurden dem armen Grauen Lasten aufgebürdet, die sogar sein eigenes Körpergewicht überstiegen. Wenn der er dann erschöpft stehen blieb, war er faul, dumm und störrisch. Man nahm einen Stock und prügelte ihn durch, bis er weiter lief. Hinzu kam, dass man seinen »edlen« Vetter, das Pferd, für schöner hielt, obwohl ja jeder weiß, dass die Ästhetik der Natur nichts, aber auch gar nichts mit unseren (jetzt tatsächlich) blöden subjektiven Empfindungen zu tun hat.

Lesen Sie einmal im alten Brehm nach, wie der sich vor Pavianen ekelte … Außerdem – und das war ja wohl das Schlimmste – war der Graue zu klein für die Kavallerie. Das »edle« und »tapfere« Pferd fiel mit dem Menschen Seite an Seite, während der faule und feige Esel auf seinem geduldigen Rücken der Armee die Säcke hinterher schleppte, damit Ross und Reiter genug zu fressen hatten …

Das dem Esel angetane Unrecht war aber schon in der Antike bekannt: Die Fabel vom Pferd und Esel schildert, wie ein schwer, ja überschwer beladener Esel das neben ihm tänzelnde Pferd bat, ihm einen Teil der Last abzunehmen. Das hochmütige Ross wies die Bitte schroff ab. Darauf brach der Esel tot zusammen, und das dumme Pferd musste nun alles schleppen!

Wenn jemand in der zu Ende gehenden Antike den Roman des Apuleius las, musste es ihm wie Schuppen von den Augen fallen: »Was war ich doch für ein Esel, so dumm über den Esel zu denken …«

Übrigens ist der Esel das im Buch aller Bücher, der Bibel, mit Abstand am meisten genannte Tier: Ein Esel stand zum Beispiel an der Krippe, in welcher der kleine Jesus lag; auf einen Esel floh Maria mit ihm auf dem Schoß vor dem mörderischen Herodes nach Ägypten; Jesus ritt kurz vor seiner Hinrichtung noch triumphierend auf einem Esel in Jerusalem ein.


1         »Leser« ist grammatisches Geschlecht und »kollektiver Singular« zugleich und meint sämtliche »Leserinnen und Leser« der ganzen Welt. Diese Bemerkung gilt für das gesamte untypische Nachwort.

2        König Kroisos von Lydien fiel drauf ’rein. Er fragte, ob er gegen die Perser zu Felde ziehen sollte, und Pythia meinte, das könne er tun; er werde ein großes Reich zerstören. Kroisos eröffnete den Krieg und … zerstörte sein eigenes Reich!

3        Bei einer »Dame« vom Schlage der Photis wären die Dinge in der Räuberhöhle anders verlaufen …

4        »Moralische« Altphilologen wettern schon immer über die »lasziven« Geschichten des Apuleius; sein »Amor und Psyche« hingegen loben sie und empfehlen es zur Lektüre, natürlich vom restlichen Roman getrennt. Zunächst einmal ist auffällig, dass diese »Herren« den Namen des männlichen Gottes Amor zuerst nennen, obwohl die Psyche eindeutig die Hauptfigur des Märchens ist; zweitens waren diese hochgelehrten Herren, die gerne einen »kastrierten« Apuleius lesen wollten, ganz auf dem Holzweg, wenn sie die Psyche-Geschichte für harmlos und fern jeder Erotik einordneten. Vielleicht sind sie vom alten Irrglauben ausgegangen, dass Märchen grundsätzlich nur etwas für kleine Kinder wären …

5        Keine Angst, lieber Leser, Du brauchst kein Universitäts-Seminar über platonische und sonstige Philosophie besuchen, wie gewisse Gelehrte meinen. Unser »Märchen« ist auch für »einfache Gemüter« verständlich.

6        »Ihr werdet sein wie Gott,« sagt Satan in der Bibel, bevor man die ersten (verführten) Menschen von dort vertreibt …

7        Die Märchen zehren bis heute von diesem Motiv …

8        Die Märchen der Welt sind voll von diesen Motiv.

9      … das aller Menschen!

10        Seit 1999 erkennt dies auch der Vatikan an.

 
© Dr. Meinhard-Wilhelm Schulz, Seeheim -Jugenheim 2016
 
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