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Apuleius
Des reisenden Lucius erotische Abenteuer, tierische Leiden
und schließliche Erlösung
oder: Der goldene Esel


Neu in aktuelles Deutsch übertragen
von Meinhard-Wilhelm Schulz

 

ISBN 978-3-8370-7776-6

Erhältlich überall, wo es Bücher gibt
Preis ca. € 14,80

ebenfalls erhältlich als eBook
Preis € 7,49

ISBN 978-3-741-20282-7

Herausgegeben
von Helmut Schareika

Erschienen März 2016
bei Books on Demand
bod.de

 

 

 

Nachwort des Herausgebers

Der lateinische Roman Metamorphosen oder Der goldene Esel ­gehört – wie Petrons (um 14 bis 66 n. Chr.) Satyricon – zu den bedeutendsten und gleichzeitig unterhaltsamsten Romanen der Weltliteratur. Verfasst wurde er um 160 n. Chr. von Apuleius aus Madauros (im heutigen Algerien; heute M‘daourouch).
Apuleius ließ sich in Karthago und Athen ausbilden, war in Rom als Anwalt und anschließend als Rhetor – »Redelehrer« – in seiner Heimat tätig. Anscheinend brachte ihm dieser Beruf aber nicht den erhofften Wohlstand, denn er heiratete eine erheblich ältere, aber sehr reiche Frau. Das brachte ihm eine Anklage wegen Zauberei ein, gegen die er sich offenbar erfolgreich mit seiner Schrift Apologia verteidigte.
Lucius, der aus Korinth stammende Romanheld, wird infolge seiner ausgeprägten Neugier, als er unbedingt hinter die Geheimnisse der Magie gelangen möchte, auf einer Reise durch den hexenbevölkerten Norden Griechenlands im Zusammenhang mit einem amourösen Abenteuer versehentlich in einen Esel verwandelt. Als Esel behält er seine menschliche Wahrnehmung und sein menschliches Denken bei, seine schon erwähnte Neugier und seine ausgeprägten erotischen Neigungen lassen ihn in ein Abenteuer nach dem anderen geraten; ›Lucius‹ wird geraubt, verkauft, misshandelt, immer wieder gemartert und gepeinigt, dabei folgt in mitreißendem Tempo eine Räuber-, Spuk-, Hexen- und vor allem erotische Geschichte nach der anderen, die alle ein gemeinsamer satirisch-grotesker Grundzug verbindet.
In Form der Ich-Erzählung und in der verfremdenden ›außermenschlichen‹ Perspektive des ›Esels‹ entsteht in geradezu überbordender Fantasie und in meisterlicher lebendiger Sprachkunst ein satirisch-realistisches, prall mit Leben gefülltes Panorama der römischen Kaiserzeit, v. a. des Lebens der einfachen Leute, die ja sonst selten Mitspieler in der lateinischen Literatur sind. Das Motto des Romans – »Leser, merk auf, du wirst deinen Spaß haben« – gilt von der ersten bis zur letzten Zeile.
Der Einfluss des Romans u. a. auf die europäische Literatur – Boccaccio, Schelmenromane, europäische Erziehungsromane, Rabelais’ Gargantua und Pantagruel, auf Swifts Gullivers Reisen und über Sternes Tristram Shandy und Joyces Ulysses bis hin auf Salman Rushdies Satanische Verse u. a. m. soll hier nur am Rande erwähnt werden.
Das Werk wurde natürlich schon öfter übersetzt, doch zeichnet diese Übersetzungen durchweg aufgrund ihrer Ausrichtung auf ganz falsch verstandene ›Wörtlichkeit‹ – ein Problem nicht weniger Übersetzungen aus altphilo­logischer Feder bis heute – und daher infolge ihres im allgemeinen betulichen Charakters, die der Spritzigkeit und Verve des Autors nicht ausreichend gerecht werden, eine zumindest für heutige Leser dem Lesespaß eher abträgliche Schwerfälligkeit aus.
Demgegenüber ist die neue Übersetzung in einer modernen, aktuellen Sprache gehalten, welche die für ein heutiges Lesepublikum oft sperrig wirkenden, im Lateinischen zum literarischen Standardduktus gehörenden Satzkonstruktionen des Originals aufbricht und die Lebendigkeit und Zeitlosigkeit des fantastischen Panoramas dieses Romans sowie die Buntheit des Stils für heutige Leser zurückholt. Das gilt nicht zuletzt auch für die bekannteste Partie aus diesem Roman, die öfter für sich übersetzte und veröffentlichte Geschichte von Amor und Psyche.
Zur Sprache des Apuleius selbst ist in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass es sich dabei – in Satzfügung, Wortschatz und Wortgebrauch – um eine (freilich behutsam ›literarisierte‹) Umgangssprache handelt, die damit, dem Inhalt gemäß, das damals im römisch-lateinischen Ambiente gesprochene Idiom wiederspiegelt. Auch unter diesem Aspekt treffen die vorliegenden Übersetzungen weder die sprachlichen Intentionen des Autors noch den sprachlichen Duktus des Romans selbst. Diesen Sachverhalt spricht der Verfasser übrigens ironisierend – eingebunden in die schräge Heiterkeit seines Stoffes und zweifellos in Anspielung auf seinen persönlichen Status als Redelehrer, doch als Afrikaner gewiss nicht weniger auf die normative Redeweise der römischen Intelligentsia – gleich im ersten Kapitel selbst an: »Dann hab’ ich in der Lateinerhauptstadt als Zugereister in reiner Knochenarbeit ohne jeden Pauker das Idiom der römischen Honoratioren angepackt und perfekt gelernt.«
Vom literarischen Genre her lassen sich Apuleius’ Metamorphosen geradezu als ein Solitär begreifen, es existiert wenig Vergleichbares; die Literaturwissenschaft tut sich denn auch einigermaßen schwer mit einer interpretierenden Einordnung des Werks, in erster Linie die Klassische Philologie selbst. Am nächsten kommt man dem Charakter des Romans wohl, wenn man ihn mit einem Ebenenwechsel zum Genre des modernen Roadmovies in Beziehung setzt und dabei gleichzeitig seinen Grundzug als Werk der dionysisch-saturnalisch-karnevalesken Lachkultur im Rahmen ausgelassener Feste von der Antike – mit Vorläufern schon vor 5000 Jahren in Mesopotamien (unten Anm. 1), ebenso schon die heiter-ausgelassenen Isis-Feste Ägyptens – bis in die Neuzeit erkennt.
Dabei sind in Apuleius’ Roman Züge vielschichtiger Art erkennbar, etwa Bezüge zum Esel als Tier des Dionysos bei dessen Mysterienfeiern bis hin zu den Hilaria (»Freudenfest« in Freude über den vom Tode auferstandenen Osiris, den Gemahl der Isis; griech.-lat.) zu Ehren der Isis Anfang November an deren drittem Tag. Die sexuellen ›Ausflüge‹ des Sujets lassen sich als Persiflage auf die von den Verliebten häufig beklagten (so bei römischen Liebesdichtern angesprochen) Forderungen nach sexueller Enthaltsamkeit von Isisanhängern bei deren Festen verstehen, der Amor und Psyche gewidmete Teil des Romans kann direkt als Parodie auf diesen Aspekt des Isis­kultes (»puri Isidos dies«, »die reinlichen Tage der Isis«) begriffen werden – das Kind, das Psyche schließlich dem Amor gebiert, ist ausgerechnet »Voluptas« (die »Wollust«). Von den Isis-Anhängern wird (u. a.) aber über geschlechtliche Enthaltsamkeit hinaus überhaupt auch das Bestehen mehrfach sich wiederholender Prüfungen verlangt – diese Szenen füllen den Roman geradezu überbordend in persiflierender Weise. Das den Interpretationen sich im Verständnis der Interpreten zumeist wiedersetzende Abschlusskapitel (Isis-Fest mit Initiation) gewinnt so den Charakter des nach allem Grotesken der Erzählung alle Beteiligten, den Leser eingeschlossen, vereinenden positiven Abschlussfestes analog beispielsweise dem Freudenfest am Ende der griechischen Komödie, wie man es etwa bei Aristophanes nachvollziehen kann. Mit diesem Fest tritt man – in der Feier freilich – in die Realität zurück. Das objektive Problem bei diesen Fragen besteht darin, dass über römische Feste und Festbräuche durch die einschlägigen Autoren zwar viel bekannt ist, über viele jedoch gar nichts, so etwa über die Hilaria der Isis. Doch will Apuleius ja sein Werk als Einheit verstanden wissen, und diese Einheit liegt im beschriebenen Sinne vor. Im übrigen darf man anmerken, dass sich aufzeigen lässt, dass der zur Zeit des Apuleius regierende Kaiser Hadrian offenbar den Versuch unternahm, mit einem Aufgreifen des verbreiteten Isis-Kultus der alten Götterwelt etwas Neues entgegenzusetzen. (unten Anm. 2)
Lector, intende, laetaberis – bei allem, was in der Welt passieren kann (und passiert), zumindest in Satire gewendet bietet die Welt Grund zur Freude und lässt optimistisch nach vorn blicken. Das wird auch der heutige Leser dieses Romans nicht zuletzt bei dieser neuen Übersetzung selbst unmittelbar erleben können – und die Tatsache, dass ihm diese satirisch-groteske Erzählung einen Einblick in eine ihm fremde, hier: die antike, Welt, ihre Bilderwelt und Weltbilder, ihre Figmenta und Phantasmata gewährt, erweitert zudem noch seinen Blick in deren Weiten und Tiefen.

Helmut Schareika

 

(Anm. 1) Es scheint mit Blick auf die Geschichte von Amor und Psyche in Apuleius’ Roman bemerkenswert, dass Ende des 3. Jahrtausends v. u. Z. in Mesopotamien keilschriftlich ein symbolisches Fest mit Heirat einer Gottheit bezeugt ist.

(Anm. 2) In der Gestalt des jungen Antinoos, des angeblichen Geliebten des Kaisers; vgl. (Hg.), Tivoli und die Villa Hadriana. Kulturführer, Mainz 2010

 
© Helmut Schareika, Gau-Algesheim 2016