Tore Janson

Latein. Die Erfolgsgeschichte einer Sprache

Ins Deutsche übertragen von Johannes Kramer
Helmut Buske Verlag, Hamburg 2006
X, 262 Seiten, geb.

Rezension von Helmut Schareika

 

Das zunächst (vielleicht) Auffällige an dieser gerade auch für an der lateinischen Sprache interessierte Leser »ohne Vorwissen«eingängig zu lesenden, unkonventionell und gewinnreich geschriebenen, überdies handlichen Geschichte des Lateins, seines Wirkens und Fortwirkens, ist weniger die Tatsache, dass ihr Original auf schwedisch erschienen ist, als dass ihr Autor Linguistik, Latinistik und Afrikanistik, ihr Übersetzer, der das Werk mit Einbeziehung der englischen Ausgabe für deutsche Leser in den entsprechenden Details angepasst hat, Klassische Philologie, Romanistik und Niederlandistik vertreten. Dieser Hintergrund ermöglicht eine frische und distanziertere Sehweise auf den Stoff, als sie reinen Klassischen Philologen vielleicht möglich ist. Dafür möge hier das folgende Zitat stehen:

»Es gibt heute nicht mehr viele Menschen, die die alten Römer als Vorbilder sehen, und das ist auch gut so, aber sie sind in vielerlei Hinsicht unsere direkten Vorgänger, im Guten und im Bösen. Gleichzeitig ist ihre Welt so weit von uns weg, dass sie uns in mancherlei fremd bleiben. Das alte Rom kann an das heutige New York, Washington oder Paris erinnern, aber in anderen Hinsichten gleicht es mehr dem Tenochtitlán der Azteken. Allerdings kann man die meisten unserer europäischen Einrichtungen, Denkmuster und Kulturtraditionen immerhin auf Rom zurückführen. Wir haben immer eine Verbindung zur Antike, ob wir es wollen oder nicht, und diesen Teil unseres Erbes können wir vor allem mit Hilfe der lateinischen Sprache untersuchen.«

Nach diesem gedanklichen Tenor bietet Jansons Werk eine überaus anschauliche, feinsinnig ausgelegte Darstellung der Geschichte des Lateinischen, stets eingebettet und verständlich gemacht im Rahmen seines historischen, sozialen und kulturgeschichtlichen Hintergrunds (und der ihn tragenden Akteure) von der Frühzeit bis in die Neuzeit. Dabei wird auch die fortwährende Spannung zwischen (normiertem Standard-)Latein in seiner kunstvollen Ausprägung bei Dichtern und Schriftstellern sowie der Alltagssprache, nicht weniger den Sprachsubstraten der romanisierten Regionen des Reiches in lebendiger Weise deutlich. Auf diese Weise entsteht gleichzeitig ein kurzer Abriss der wichtigsten Werke und Gestalten der lateinischen Schriftkultur von Plautus über Quintilian, Augustinus, Abaelard bis zu Carl von Linné und Latein als neuzeitlicher Wissenschaftssprache überhaupt, selbstverständlich verbunden mit einer Darstellung der Beziehungen des Lateinischen zu den größeren modernen europäischen Sprachen.

Das Werk gliedert sich in einen Teil I »Das Lateinische und die Römer« und einen Teil II »Das Lateinische und Europa«. Ein Teil III beschreibt »Ein wenig Grammatik«, enthält also eine Kurzgrammatik. Der Anhang bietet, man höre, ein recht umfassendes Vokabular, dazu Redewendungen und Zitate.

Im Gegensatz zum Hauptteil ist die Kurzgrammatik – leider – sehr konventionell abgefasst, d. h. sie ist auf die traditionell irrigerweise gelehrten Verstehenswege über das Formeninventar des Lateinischen ausgerichtet. Das wird die wenigsten Leser stören, doch wäre wohl gerade für Leser ohne Vorwissen eine Sprachbeschreibung ergiebiger gewesen, welche das Lateinische funktional im Spannungsfeld zwischen mit Blick auf das Deutsche (prinzipiell) gleichem Sprachtypus einerseits und divergierenden Sprachnormen andererseits in den Blick nimmt. Beispielsweise ist es ja so, dass von den 50 (oder 60: je nach Sehweise) Paradigmapositionen der fünf Kasus des Lateinischen gerade einmal fünf (!) ein-eindeutig sind, d. h. nur diese interferieren nicht mit anderen grammatischen Markierungen auch der anderen Wortarten. Das bedeutet eben auch für das Latein, dass die semantischen Redegesetze immer den formalen Grammatikgesetzen vorgelagert sind. Gerade unter einer solchen Sehweise wäre ein interessanter Blick auf die speziellen Ausdrucksgepflogenheiten des literarischen Lateins im Vergleich zum Deutschen möglich gewesen. Dies berührt aber in keiner Weise das Hauptthema des Buches.

So sei das Buch aber gerade auch den Lesern von Fach empfohlen, unter denen es den meisten ebenfalls neue gewinnbringende Einblicke ermöglichen wird.

Erschienen in: Antike Welt 2008